Ein Wahlkampf hat seine eigene Logik. Er ist schnell, oft chaotisch und selten planbar. Entscheidend im politischen Campaigning ist darum nicht die teuerste Ausrüstung – Überraschung -, sondern die richtige. Und auch nach diesem Wahlkampf bleibt die Erkenntnis: Wer effizient arbeiten will, braucht kein rollendes Techniklager im Kombi, sondern ein Setup, das jederzeit einsatzbereit ist, und in eine Umhängetasche passt. Auch wenn die dann doch etwas schwerer wiegt als gedacht.
Und dabei geht es nicht nur um Campaigning im engeren Sinne. Vieles von dem, was hier beschrieben wird, gehört genauso in jede Pressestelle und in jede professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Wer diese Grundlagen beherrscht, wird schneller, sicherer und am Ende auch besser.
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Fotografie im politischen Campaigning
Moderne Smartphones liefern beeindruckende Ergebnisse. Für schnelle Schnappschüsse und spontane Situationen reichen sie oft aus. Trotzdem stoßen sie im Campaigning schnell an ihre Grenzen. Wer dauerhaft hochwertige Bilder produzieren will, die sich auch für Pressearbeit oder größere Formate eignen, kommt an einer echten Kamera nicht vorbei. Sorry, Apple.
Eine DSLR (Digitale Spiegelfreflexlamera) bietet nac wie vor mehr Kontrolle, bessere Bildqualität und vor allem die Möglichkeit, Motive gezielt freizustellen. Gerade im Wahlkampf, wenn es darum geht, Personen klar in den Mittelpunkt zu rücken und störende Hintergründe auszublenden, ist das ein entscheidender Vorteil. Smartphone lösen dies mittels rechnerischer Tricks, die aber immer noch nicht überzeugen.
Dabei braucht es allerdings weniger Ausrüstung, als viele denken. Zwei Objektive genügen völlig. Ein Teleobjektiv wie ein 70–200 mm für Nähe und Details aus der ferne, ohne Menschen auf die Nerven zu gehen, dazu ein Standardzoom wie ein 28–75 mm für Reportage und Übersicht. Damit lässt sich praktisch jede Situation im Campaigning abdecken, vom Bürgergespräch bis zur Veranstaltung.
Ebenso entscheiden wie die Brennweite ist die Blende der benutzten Linsen: Objektive mit einer durchgehenden Blende von 2.8 ermöglichen es, Personen sauber vom Hintergrund zu trennen. Klassische Kit-Objektive, wie sie oft mit Kameras verkauft werden, liefern hier selten die gewünschte Qualität. Die Blende – eine Zahl, angegeben meist mit einem “f” davor – reicht selten unter 3.5. Grundsätzlich gilt hier: Je niedriger diese Zahl ist, desto lichtstärker ist das objektiv und desto besser lassen sich Hintergründe “wegblasen”. Und aufgrund ihrer Lichtstärke ermöglichen sie es auch, auf den Blitz zu verzichten. Die Kit-Gläser funktionieren, aber sie überzeugen für diesen Job nicht.
Für den Alltag gilt deshalb: Zwei gute Objektive und ansonsten so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Kein Blitz, kein Stativ, kein unnötiges Zubehör. Viel wichtiger sind ein geladener Ersatzakku und ausreichend Speicherkarten. Davor kommt allerdings noch die Handschlaufe, damit die Kamera im Gerangel um die besten Plätze nicht “abhaut”, und je nach Format des Geräts vielleicht ein Batteriegriff fürs bessere Handling.
Anders verhält es sich freilich, wenn es darum geht, Plakat und Großflächenmotive zu fotografieren. Da darf es dann schon alles sein, was die Ausrüstungskammer herzugeben hat – Blitz, Stative, Reflektoren, das ganze Zeug. Aber das ist eine andere Geschichte.
Weg mit dem Hintergrund. Braucht keine. Offenblende macht's möglich
Video und Ton im politischen Campaigning
Video ist längst ein zentrales Element im politischen Campaigning. Hier spielen Smartphones ihre Stärke aus. Sie sind schnell einsatzbereit, liefern auch ohne Stativ oder Gimbal stabile Bilder und ermöglichen es, Situationen festzuhalten, bevor sie wieder vorbei sind. Ein Videostatement oder ein Beitrag für Tiktok ist in wenigen Minuten poduziert (vorausgesetzt, der Kandidat oder die Kandidatin kann das).
Der entscheidende Punkt liegt allerdings nicht im Bild, sondern im Ton. Schlechte Bildqualität wird im Zweifel akzeptiert, schlechter Ton nicht. Wenn Aussagen nicht verständlich sind oder Hintergrundgeräusche dominieren, ist der Inhalt verloren.
Deshalb gehört ein gutes Mikrofon zur Grundausstattung. Drahtlose Ansteckmikrofone sind mittlerweile günstig zu haben und liefern eine Qualität, die für Social Media, Interviews und kurze Statements vollkommen ausreicht. Gerade im politischen Campaigning, wo oft spontan reagiert werden muss, sind sie ein enormer Vorteil. Wir nutzen ein Produkt von DJI, das es für unter 70 Euro gibt und mit dam man sogar zwei Gesprächsteilnehmende “verkabeln” und somit auch sauber Dialoge und Interviews aufnehmen kann.
Viele andere Geräte erweisen sich dagegen als komplett überflüssig. Gimbals etwa sehen professionell aus, sind aber im Alltag oft zu langsam im Aufbau. ZUmal auch dies wieder ein Gerät ist, dessen Bedienung im Zweifelsfall erlernt werden muss. Und bis alles eingerichtet ist, ist die Szene längst vorbei. Das gilt auch fürs Licht. Mobiles Videolicht wirkt in der Praxis häufig unnatürlich und hilft weniger, als man denkt. Wer ein Auge für vorhandenes Licht entwickelt, ist meist besser unterwegs.
Ein Sonderfall nebenbei bemerkt sind Innenräume mit künstlicher Beleuchtung. Das bekannte Flackern von Neonröhren lässt sich kaum nachträglich korrigieren. In solchen Fällen hilft oft nur eines: den Ort wechseln und die Szene neu aufnehmen.
Software zur Weiterverarbeitung
Gutes politisches Campaigning endet nicht bei der Aufnahme. Entscheidend ist, wie schnell Inhalte weiterverarbeitet und veröffentlicht werden können. Vielleicht sind es keine Minuten, aber Stunden können über den Eindruck entscheiden.
Für Videos hat sich CapCut als eines der effizientesten Werkzeuge etabliert. Unabhängig davon, was man vom Mutterkonzern ByteDance halten mag. Die Anwendung ermöglicht schnellen Schnitt, einfache Effekte und vor allem: automatisierte Untertitel und die in verschiedenen Sprachen. Das schafft CapCut erstaunlich fehlerfrei. Und Untertitel sind nicht nur aus Gründen der Barrierefreiheit mittlerweile unverzichtbar. Inhalte werden zunehmend ohne Ton konsumiert. Wer keine Untertitel bietet, verliert Reichweite.
Kleiner Rechtstipp am Rande: Als Musikbett sollte stets das Material genutzt werden, das die jeweilige Plattform anbietet. Sonst ist die nächste Klage nicht fern. In der Konsequenz bedeutet dies, dass Clips zweimal aus CapCut rausgeschrieben werden: Einmal mit Untertiteln und Musik für TikTok und ein zweites Mal mit Untertiteln, aber ohne Musik für die anderen Plattformen. Bei der Veröffentlichung – etwa auf Instagram – wird der Clip dann mit Musik der jeweiligen Plattform untermalt. Lästig, aber rechtssicherer.
Bei der Bildbearbeitung bleibt Lightroom ein verlässlicher Standard. Übrigens: Dass einzig im RAW-Format fotografiert wird, versteht sich von selbst, oder? Der schnelle, drahtlose Import nach Lightroom, die Möglichkeit mit Presets zu arbeiten und die konsistente Bearbeitung machen das Programm gerade im mobilen Einsatz wertvoll. Andere Tools wie ACDSee bieten ähnliche Funktionen, sind aber oft entweder eingeschränkt oder unnötig kompliziert. Und ja, das Abo-Modell von Adobe nervt. Auch uns.
Trotz aller Geschwindigkeit gilt übrigens eine einfache Regel: Inhalte sollten vor der Veröffentlichung einmal vollständig geprüft werden. Fehler entstehen schnell, und im politischen Campaigning werden sie ebenso schnell öffentlich.
Alles mit Lightroom auf dem Tablet - Großrechner braucht's nicht.
Hardware: KISS. Keep it simple, Stupid!
Die Vorstellung, dass für professionelles Campaigning leistungsstarke Rechner notwendig sind, hält sich hartnäckig. In der Praxis ist das Gegenteil der Fall. Mobilität ist wichtiger als maximale Performance.
Ein gutes Smartphone und ein Tablet reichen für den Großteil der Aufgaben aus. Selbst Schnitt und Bildbearbeitung lassen sich darauf zuverlässig erledigen. Wer darüber hinaus arbeitet, ist mit einem leichten Laptop gut ausgestattet. Geräte wie ein MacBook mit M1-Chip bieten genügend Leistung, ohne die eigene Beweglichkeit einzuschränken.
Entscheidender als Rechenleistung sind die Schnittstellen, die das Gerät bietet. Wenn der Laptop Speicherkarten im SD-Format auslesen kann, ohne dass man einen Leser braucht, ist das durchaus von Vorteil. Ein Gerät weniger, auf das man aufpassen muss.
Fällt der Preis ins Gewicht? Kosten und Kilogramm
Das war jetzt eine Menge. Oder auch nicht. Wenn wir alles zusammenrechnen wollen, stellt sich das ganze so dar:
- Kamera (DSLR Vollformat): ca. 2.000,- €
- Objektiv(e): ca. 1.500,- €
- Mikrophon(e): ca. 100,- €
- Laptop/Tablet: ca. 1.000,- €
- Lightroom: ca. 15,-€/monatl.
- CapCut: Je nach Modell zwischen 0,- und 20,-€/monatl
Der größte Brocken sind Kamera und Objektive – ein guter Grund, spitz zu rechnen und darüber nachzudenken, einen Fotografen zu buchen. Das schont nicht nur das Budget, sondern auch das Kreuz. Denn immerhin kommen wir auf etwa 5 Kilo, die dauerhaft am Mann/der Frau sind: 1.000 g für iPad, 200 g für die Mikros, 2.200 g für die Kamera (mit Batteriegriff und 70-200 Glas), 600 g für ein zweites Objektiv. und schließlich wiegt die Tasche auch noch was. Kein leichter Job.
Fazit: Fürs Politisches Campaigning braucht es nicht viel. Aber das richtige.
Nach mehreren Wahlkämpfen und jahrzehntelanger Öffentlichkeitsarbeit für große Institutionen können wir guten Gewissens sagen: Der größte Fehler, ob im politischen Campaigning oder sonstwo, ist nicht zu wenig Equipment, sondern das falsche. Zu viel Technik kostet zuviel, macht langsam und bringt immer noch eine Kernkurve dazu. Entscheidend ist ein Setup, das jederzeit funktioniert und ohne Nachdenken eingesetzt werden kann. Denn am Ende gewinnt nicht die Ausrüstung mit den meisten Funktionen. Es gewinnt die Ausrüstung, die im richtigen Moment einsatzbereit ist – für den Wahlkampf selbst gilt das leider nicht immer. So ehrlich wollen wir an dieser Stelle aber auch sein.